Wenn Führen zuerst heißt, die Menschen zu mögen und sie zugleich partnerschaftlich und energiespendend auf den Erfolgsweg mitzunehmen, dann ist dies weit entfernt von Sieger-Mentalität, Karriere-Besessenheit, emotionaler Härte, rücksichtslosem Machtstreben, maßlosem persönlichen Ehrgeiz und anderen Größenphantasien, allesamt Eigenschaften, die heutzutage nicht selten einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit den Weg in die Schaltzentren der Macht in Industrie und Wirtschaft ebnen.
Zum egomanischen Verhalten solcher Manager gehört die
völlige Immunität gegenüber Selbstzweifeln und fremder
Kritik - solche Egomanie ist im Prinzip die Abwehr
jeglicher Einsicht in die eigene Schwäche und
Zwiespältigkeit, in die persönliche Konflikthaftigkeit
und Begrenztheit durch Selbstüberschätzung und
Bemächtigungsgehabe. Ob dies dem Unternehmen (auf Dauer)
nützt, darf bezweifelt werden, dem Geführten schadet
solches Despotentum jedenfalls nachhaltig und hinterlässt
Wunden, die oftmals nicht mehr heilen.
Wenn man anzuerkennen bereit ist, dass Persönlichkeit
keine bloße Vorgegebenheit ist, sondern eine Aufgabe, bei
der man nie an ein Ende kommt, dann inkludiert dies
permanente Persönlichkeitsbildung, auch im Blick auf die
Erkenntnis, dass die stärkste Kraft beim Führen die
Persönlichkeit des Führenden selbst ist. Es gilt also:
Wer andere führt, möge (erst) gelernt haben, sich selbst
zu führen!
Gerade hier ist der Erwerb von Tugenden als der konstanten
Richtung des Willens auf das Sittlich-Gute (oder der
Erwerb von "habits", wie E. Lukas die zur Gewohnheit
gefrorenen Verhaltensmuster nennt) angesagt, auch die der
Demut, die nicht der Schwäche, sondern in aristotelischer
Tradition (wie die Bescheidenheit und Geduld) der
Tapferkeit (!) zuzuordnen ist. Sittliche Tugenden zu
erwerben, ist eine Grundfrage der Ethik, und Tugend als
psychische und/oder psychosoziale Disposition zum guten
Handeln bedarf der Gewöhnung - sie verleiht unserer
Persönlichkeit eine bestimmte Tendenz, auf die wir uns
selbst und auf die andere sich verlassen können.
Demut als "Bodenhaftung" (Anselm Bilgri) und als
Bereitschaft zum Dienen (der Sache, also dem Unternehmen,
und dem Mitarbeiter, also dem Geführten, der letztendlich
die unternehmerischen Grundsätze in Leistung zu
übersetzen hat), Demut bildet als freiwilliger und
absichtsloser Verzicht auf sich selbst, auf die
egomanischen Wollungen der Triebstruktur des Menschen, und
als Wesenshaltung, die sich ganz und gar für das
Menschsein (des anderen) geöffnet hat, das Fundament für
eine glaubwürdige Führungskultur: (denn) nur wer sich
wirklich für unbedeutend (nicht un-wertig oder
minderwertig) hält, kann glaubwürdig gestaltend wirken
und vermag im uneigennützigen Sinne zu handeln.
Wenn unsere Führungsetagen vornehmlich vom Herrschen,
nicht vom Dienen und der damit verbundenen Demut als
Selbstbegrenzungsfähigkeit geprägt sind, dann ist
dringend (ebenso zum Wohl des Unternehmens wie zu dem des
Geführten) Selbsttranszendenz angesagt als die Fähigkeit
des Menschen, von sich selbst abzusehen und sich anderem,
also einer Person oder Sache, hinzugeben, sich
preiszugeben und auszuliefern.
Demut - also die dem Hochmut und der Selbstüberhebung
entgegengesetzte Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit -
setzt die Ernsthaftigkeit kritischer Selbstwahrnehmung
voraus, sie ist das Eingestehen der eigenen
Unzulänglichkeit und ein Hinfinden zur Selbstablösung -
und hiermit bestens "geeignet", abseits egomanischer
Dominanzmuster sich voll hinzugeben an eine Aufgabe, für
deren Erfüllung jemand die Verantwortung trägt.
Über den Autor:
Dr. phil. Bernhard A. Grimm (geb. 1942) war nach dem
Studium der Theologie und Philosophie und einem
Zweitstudium der Altertumswissenschaft als
wissenschaftlicher Assistent an der Uni München in Lehre
und Forschung tätig, ehe er für ein knappes Jahrzehnt im
mittleren Management eines mittelständischen Unternehmens
Führungsaufgaben wahrnahm.
Seit ca. 20 Jahren ist er selbständig unterwegs (homo
viator) als Seminarleiter und Referent für
persönlichkeitsbildende, philosophisch-psychologische und
vornehmlich ethische Themen und Fragestellungen
(Führungs-Ethik) in Industrie und Wirtschaft, an
Akademien und für den Rundfunk. Logotheoretische
Kenntnisse hat er sich autodidaktisch erworben.
Es ist ihm ein Anliegen und Bedürfnis, den Menschen unter
dem Aspekt: "Tanken Sie auf: Körper - Seele - Geist"
sowohl Denkanstöße für ihre individuelle Entwicklung zu
geben als auch Orientierungshilfe anzubieten für ihren
persönlichen und beruflichen Alltag.
Er ist Autor zahlreicher Sachbücher, u.a. "Ethik des
Führens. Guter Mensch - schlechter Manager?"
(LangenMüller, München 1994, 347 Seiten, ISBN
3-7844-7328-8) und "Macht und Verantwortung. Ein
Anti-Machiavelli für Führungskräfte" (Gabler,
Wiesbaden 1996, 221 Seiten, ISBN 3-409-18917-3).
Publikationen von Dr. phil. Bernhard A. Grimm:
www.dr-bernhard-grimm.de



